Kilian
Freiwillig wäre er nie in ein Kirchenkonzert gegangen. Aber der Bischof hat es seinen Pfarrgemeinderäten eine Aufführung von Mendelssohns Oratorium „Elias“ im Grazer Dom zum Geschenk gemacht. Was Kilian da zu hören bekommt ist eine packende Geschichte: Ein hitzköpfiger Prophet, eine böse Königin, Engelsstimmen, Orchester, Solisten und ein gewaltiger Chor. Elias, das ist so einer wie er, Kilian.
„Es ist genug“, singt Elias. „Ich begehre nicht mehr zu leben.“
Das ist auf ihn, Kilian, gemünzt. Auf ihn, den schlagfertigen Rabauken, den herumbrüllenden Chef, den lustigen Sänger, ihn, den Kirchenwirt und Fleischer, dessen Wort Gewicht hat im Dorf.
Das schwermütig- schleppende „Es-ist-genug“ ist ihm wie ein Spiegel
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. Er sieht einen alten Mann, der voll Trauer zugibt: „Meine Tage sind vergeblich gewesen.“
Nein, aufhängen wird sich Kilian nicht. Sein hitziges Temperament wird ihn davor bewahren.
„Ich habe geeifert um den Herrn“, braust der Prophet auf.
Er, der Kilian, hat geeifert und geschuftet – für das Geschäft. Kein Urlaub, kein Zur-Ruhe-Setzen. Wofür?
„Es ist genug!“ Ja, es ist genug
. Kilian spürt wieder das beängstigende Ziehen, links sitzt der Schmerz. Er ringt nach Luft.
„Hebe deine Augen auf zu den Bergen.“
Die Engel singen. Ist er gestorben?
Mein Gott ist das schön
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.
Jelena
.
Kilian hatte die neue Kirchenchor-Leiterin bei einem Begräbnis zum ersten Mal wahrgenommen. Zum ersten Mal singen gehört. Eine Stimme aus einer anderen Welt. Sopran. „Hebe deine Augen auf.“ Die Angerbäurin hatte die zweite und die Rieglschoberin die dritte Stimme gesungen. Den gestandenen Fleischhauermeister hatte es getroffen wie ein Betäubungsschlag auf den Kopf. Ein Vieh sackt dabei zusammen. Geht in die Knie. Kilian war auch in die Knie gegangen. Nicht nur innerlich, die Knie waren ihm tatsächlich weich geworden.
„Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von welchen Hilfe kommt.“
Hilfe war ihm nicht gekommen. Einen belächelten Kirchgeher hat die zierliche Sängerin aus dem gewichtigen, großmäuligen Kirchenwirt gemacht. Kilian, der es für ausreichend gehalten hatte, zu Weihnachten und am Palmsonntag, und dann noch bei Begräbnissen und Hochzeiten den angestammten Platz des Kirchenwirts in der dritten Reihe mit seinem massigen Hinterteil zu wärmen, er, Kilian, war auf einmal Sonntag für Sonntag auf der Orgelempore zu finden. Dort saß er, seitlich der Orgel neben den Sängern ohne zu singen , im unbequem-engen Gestühl, die Hände vor seinem stattlichen Bauch gefaltet.
Die Augen zog es ihm hin zur zarten Frau hart an der Brüstung: Jelena, die mit ihren Händen die Sängerinnen und Sänger – und ihn, den Fleischer Kilian Rappold – in ihrer Gewalt hatte.
Jelena. Derentwegen er sich als alter Mann zum Narren gemacht hat.
Jelena, viel zu dünn, immer mit dunklem Rock und heller Bluse, mit streng nach hinten gebundenem, schwarzem Haar, einem viel zu schmalen Gesicht. Dunkle Augen