Leseprobe – Vivaldi


Wien, Leopoldstadt, 28. Juli 1741, zwischen Tag und Nacht.

 

Da will einer noch vor dem Gewitter unter Dach sein. Im Dahinhasten spürt er die Unregelmäßigkeiten des Buckelpflasters. Die Rockschöße wippen mit den Schläfenlocken im Takt

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. Ein Windstoß. Mit der Rechten hält der Mann in Schwarz seinen steifen Hut fest, der linke Arm wird von einer ausgebuchteten Tasche nach unten gezogen. Endlich, die Krummbaumgasse. Er wohnt im dritten Haus links. Eine massive Tür mit wuchtigem Türklopfer. Ein Bronzeschild: Baruch Sofer, Medicus.

Rebekka, seine Frau, sieht auf dem ersten Blick, dass etwas vorgefallen sein muss. Ihr Mann rührt das Essen nicht an, lässt sich auf seinen Lehnstuhl fallen und schlägt die Hände vors Gesicht. Hat ihn jemand – wie schon des Öfteren – für den Tod eines christlichen Patienten verantwortlich gemacht und als „Judenarzt“ beschimpft? Es bleibt eine Weile still, dann öffnet der Arzt seine Tasche und holt ein sehr schmales Etui aus lackiertem Holz heraus und legt es vor Rebekka auf den Tisch

„‘Für ihre Frau´, hat er gesagt, und mir das gegeben.“

„Wieder einer, der nicht zahlen konnte!“, murmelt Rebekka.

Baruch hat nicht hingehört, unbeirrt spricht er vor sich hin: „Zwei Stunden später war er tot. Gestorben an innerlichem Brand.“

„Wer?“ sagt Rebekka leise. „Einer von uns?“

„Nein, ein Goi, Rebekka, ein venezianischer Goi, ein christlicher Priester.“

Rebekka schüttelt missbilligend den Kopf.

Er springt auf:“Ja, der Rote Priester, der sich keinen Deut um sein Priesteramt gekümmert hat
. Nur um die Musik.“ Er gestikuliert mit erhobenen Armen: „Nur um die Musik, verstehst du!“ Seine Stimme überschlägt sich: „Er ist der größte Musiker aller Zeiten!“

Wie zu Tode erschöpft sackt er auf den Lehnstuhl. Die Augen hat er geschlossen, der Oberkörper bewegt sich kaum wahrnehmbar vor und zurück. Betet er? Hört er auf etwas? Hört er Musik?

Rebekka huscht in die Kammer nebenan, beugt sich über die Wiege ihres ersten Kindes, Rachel. Sie wünscht, sie könnte alles Böse von dem Mädchen fernhalten, auch alle die traurigen Geschichten, mit denen Baruch von seinen Krankenbesuchen nach Hause zu kommen pflegt. Ist ihr Mann nicht ein angesehener, erfahrener Medicus – warum kommt es immer noch vor, dass er einen ganzen Abend lang verstört ist, wenn ihm einer unter den Händen gestorben ist. Manchmal hat sie ihn im Verdacht, nicht gottesfürchtig genug zu sein. Jahwe ist der Herr über Leben und Tod. Er gibt und nimmt, wozu solche Auflehnung? Und heute dieser Priester, der nicht gepredigt und stattdessen Musik gemacht hat – ist es recht, so um den zu trauern?

Gewitterwolken verdunkeln den Himmel. Rebekka zündet eine Kerze an. Sie gibt der Wiege einen leichten Stoß.

Der Arzt hat nach dem Etui am Tisch gegriffen. Er öffnet es und sieht, dass es nicht das erwartete Schmuckstück enthält, sondern einen Fächer.

Filigran gesägte, mit Silber- und Goldauflagen dekorierte Elfenbeinstäbe. Er lässt sie aufspringen. Wie schön! Vier fein gemalte Motive auf dem Fächerblatt: die Jahreszeiten.

„Sieh nur, Rebekka!“

Rebekka kommt zögernd aus der Kammer und schaut Baruch über die Schultern.

„Das bist du, Rebekka, die Schöne im Frühling! Eine Putte fliegt mit einem Blumenkorb auf Dich zu. Du verdienst die Blumen! Und da, der alte Mann am Feuer, der Winter, das bin ich.“

„Nein“, sagt Rebekka, „du bist kein alter Mann!“ Aber sie kann es sich gut vorstellen, dass Baruch einmal als weißhaariger und weißbärtiger Alter am Feuer sitzt und sich die Hände wärmt wie der greise Winter auf dem Bild
.

„Was willst du“, sagt Baruch, „der halbnackte Jüngling inmitten von Weinreben, der sich von einer schwebenden Putte einschenken lässt, bin ich sicher nicht.“

Rebekka lächelt und nimmt die zweite Dame auf dem Fächer in Augenschein: „Was blickt die schöne Dame so bedrückt, sie ist doch die Herrin des Sommers? “, fragt sie.

Baruch seufzt. Sommer. Schleppende Akkorde, die Schwüle hörbar, greifbar. Violinsoli, die sich überraschend aus dieser Mattigkeit emporschwingen in schwindelnde Höhen. Unglaubliche Virtuosität. Das drohende Gewitter. Ein Sommertag. Wie heute. Wie damals, als der gefeierte Maestro in Wien die „Vier Jahreszeiten“ zur Aufführung gebracht hatte. Baruch hatte einen adeligen Patienten, der an Asthmaanfällen litt, zum Konzert begleiten müssen. Ganz Wien lag Antonio Vivaldi zu Füßen. Damals.

Sicher haben sie ihn schon begraben. Das muss schnell gehen im Sommer. Tot und begraben ist er, so wie sein Mentor, der Kaiser Karl. Zur falschen Zeit in die richtige Stadt gekommen, der Rote Priester. Der Kaiser hätte ihm sicher seinen Platz gegeben unter den Ersten in der Wiener Musik. In Venedig wollten sie ihn nicht mehr. Unmodern geworden. Gestorben an gebrochenem Herzen, an der Armut und an seinem alten Lungenleiden. Er hat nicht mit dem Fächer bezahlt, nein. Der Sterbende hat ihm das Etui wie eine generöse Gabe in die Hand gedrückt, und seiner versagenden Stimme das „Für-Ihre-Frau“ abgerungen. Nein, anders hatte er es gesagt, geflüstert, geröchelt: „Für Ihre Liebste.“ Der Arzt lächelt, das passte besser zu dem leidenschaftlichen Venezianer.

Rebekka will das alles nicht wissen. Sie ist zurück in die Schlafkammer zum Kinderbettchen geeilt. Alles Galante, Prächtige ist ihr verdächtig. Sünde. Auch diese Art von Musik, wie man sie in Wien mit soviel Pomp und Aufwand betreibt.

Der Arzt versenkt sich noch einmal in die liebevoll gemalten Bilder, eingerahmt von Blüten- und Weinranken. Auf den Elfenbeinstäben fallen ihm vergoldete Musikanten ins Auge. Ein Musikant, ein Geigenvirtuose, ist er gewesen, dieser armselige zusammengekrümmte Mann mit dem roten Haarschopf, der heute an seinem inneren Feuer elend zugrunde gegangen ist: Antonio, der Venezianer, der berühmte Musicus, der begnadete Compositeur, der mit seinem unerschöpflichen Reichtum an göttlicher Musik die Welt beschenkt hat. Baruch stöhnt leise auf, schiebt den Fächer zusammen, steckte ihn ins Etui und geht damit in die Kammer. Die Kerze brennt noch. Rebekka ist schon in die Bettstatt gestiegen. Sicher wartet sie noch auf ihn. Aber vorher, vorher muss er noch zur Wiege treten. Leise legt er das Etui ins Bettchen, dorthin, wo die winzigen Füßchen sich freigestrampelt haben. „Für dich Rachel“, sagt er leise, „für dich. Ein Geschenk vom großen Vivaldi.“

Er weiß, dass Rebekka ihn hört und ist sicher, dass sie das Etui ohne es zu öffnen aufbewahren würde bis zu Rachels Hochzeit. Gut so. Ergriffen Ergriffenheit betrachtet Baruch die kleinen, vollkommenen Zehen seines Töchterchens und zieht dann die leichte Decke darüber. Er löscht die Kerze und kleidet sich aus.

Als er ins Bett schlüpft, um den Trost zu finden, den nur seine Rebekka ihm zu geben versteht, klingt immer noch eine Geigenmelodie in ihm nach: das Hirtenlied aus Vivaldis „Sommer“, schwermütig und süß. Da lässt ein Donnerschlag die Scheiben erzittern, ein Regenstakkato setzt ein, das Grollen verstärkt sich. Das Sommergewitter als Abschiedsdonner für den Meister der „Jahreszeiten“.

Rebekka zieht Baruch an sich. Sie weiß, sie ist stärker als die Naturgewalt, stärker als die Gewalt der Trauer in seiner Seele.